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Um zu verstehen, dass in der Stille und Ruhe unsere wahre Kraft liegt, braucht es wohl ein paar Jahre Lebenserfahrung. Sind wir jung und wild, meinen wir oft, wir müssten besonders laut sein, um wahrgenommen zu werden. Und leider haben wir als Kinder oft gelernt, dass wir uns erklären müssen, wenn wir etwas machten, was anderen nicht gefiel. So manches Mal mussten wir uns auch Ausreden einfallen lassen, um das tun zu können, wonach uns gerade war. Und so entwickelt sich der Rechtfertigungs-Kreislauf, den wir auch als Erwachsene nur schwer ablegen können. Wie auch? Wir haben es ja nie gelernt.

Rechtfertigung ist, finde ich, kein stilles, sondern ein sehr lautes Geschehen. In uns tobt es fürchterlich. Wir müssen ja auch vor uns selbst gerade stehen. Und das funktioniert – noch – am besten, wenn wir eine Erklärung für unsere Wünsche, Bedürfnisse und Entscheidungen finden. Wir haben halt seit Kindheitstagen immer das Gefühl, dass wir uns rechtfertigen müssen, anstatt mit einem klaren JA! oder NEIN! für uns einzustehen.

Doch, mal ganz ehrlich, sind diese Erklärungen nicht auch für uns selbst oft nur laue Ausreden? Und fühlt sich das nicht oft doppelt blöd an, wenn wir die Verabredung mit unserer Freundin mit einer Ausrede (“Du, mir geht’s heute nicht so gut!”) abgesagt haben, statt einfach ehrlich zu sein und zu sagen, dass wir viel lieber auf dem Sofa liegen und ein Buch lesen möchten. Diese Notlügen führen meist zu einem schlechten Gewissen und das fühlt sich richtig blöd an! Vielleicht sollten wir Erwachsenen wieder lernen, zu unseren Wünschen und Bedürfnissen zu stehen! Nur, was steht uns dabei eigentlich im Weg? Die Möglichkeit, Andere mit unserer Entscheidung zu enttäuschen? Nicht mehr geliebt zu werden? Abgelehnt zu werden von denen, die sich selbst auch immer hinten anstellen? Sind wir egoistisch, wenn wir uns in unseren eigenen Fokus rücken?

Habt ihr schon einmal ausprobiert, wie toll es sich anfühlt, ehrlich zu sich selbst zu stehen? Keine Ausrede für eine abgesagte Verabredung zu nutzen? Denn, tut es dem anderen denn wirklich gut, dass ich da bin, wenn ich eigentlich lieber woanders wäre? Wir meinen immer, die Menschen spüren das nicht, wenn wir es nur gut genug verstecken. Ich glaube, dass sie es sehr wohl spüren. Vielleicht können sie es nicht in Worte fassen, doch es ist spürbar. Und wenn wir uns verstecken…spielen wir dann nicht einfach nur eine Rolle und füllen damit aus, was von uns erwartet wird? Nur, sind wir hier, um eine Rolle zu spielen? Oder sind wir hier, um einen Haufen toller, ehrlicher und authentischer Erfahrungen zu machen?

Fragen wir uns doch einfach mal, ob wir unseren Freund wirklich enttäuschen, wenn wir zu unseren Wünschen und Bedürfnissen stehen, die nun mal leider gerade mit unserer Verabredung kollidieren. Oder machen wir ihm vielleicht sogar ein Geschenk mit unserer eigenen Echtheit? Wir laden ihn doch dazu ein, uns auch authentisch gegenüber zu treten, sich mit allem, was da ist, zu zeigen und öffnen zu dürfen. Das ist doch ein wahres Geschenk. ich wünsche mir mehr Ehrlichkeit im Umgang miteinander. Statt faule Ausreden zu nutzen, einfach mal zu sich selbst stehen. Dadurch wachsen wir und wir werden ruhiger. Erst in uns und dann im Miteinander mit anderen Menschen.

Wenn wir den Druck der Ausrede aus unserem Leben herausnehmen und damit ein ganzes Stück mehr zu uns selbst finden, erleben wir viele wundervolle Stunden der Stille, der Ruhe und der Ehrlichkeit, ohne die Last des schlechten Gewissens. Allein und gemeinsam. Und die Zeit, die wir anderen Menschen dann schenken, kommt wirklich von Herzen. Sie ist dann kompromisslos. Und damit voller Liebe und Respekt!